Chick, Chuck & Shit (Teil 1)

Der Junge hatte einen Rucksack locker über der Schulter hängen und schlenderte ein Regal entlang. Er nahm einen Schokoriegel in die Hand, betrachtete ihn und legte ihn wieder zurück. Dann fuhr er sich mit der rechten Hand durch sein volles blondes Haar, das ihm gleich darauf wieder in dicken Strähnen in die Stirn fiel.

Nora bemerkte den Jungen aus ihren Augenwinkeln. Sie stand am anderen Ende des Ganges und suchte dort nach einer Tüte mit ihrer Lieblingslakritze. Sie sah nicht hinüber. Der Junge blickte kurz in ihre Richtung, dann griff er rasch in die Auslage mit Süßigkeiten und ließ die Beute mit einer geübten Bewegung in seiner Hosentasche verschwinden.

Nora sah immer noch nicht zu dem Jungen hinüber. Die Bewegung, die sie aus den Augenwinkeln verfolgt hatte, war eindeutig genug gewesen. Sie wandte sich in die entgegengesetzte Richtung und bog rechts hinter dem Regal ab.

Ob der Junge sich sicher fühlte? Zwei Regale weiter sah sie ihn wieder. Sein Blick glitt nun über eine Reihe mit Dosengetränken. Nora näherte sich ihm, sah ihn aber dabei nicht an. Etwa einen Meter neben ihm blieb sie stehen und sagte leise zu der Orangensaftflasche vor ihr:

„Vielleicht wäre es besser, wenn Du es wieder zurücklegst.“

Der Junge antwortete nicht. Nora wandte ihm den Kopf zu und betrachtete ihn genauer. Er musste etwa vierzehn Jahre alt sein, hatte ein sensibles Gesicht und einen weichen Mund. Er war puterrot und starrte bewegungslos ins Regal.

„Wenn Du es so geschickt anstellst, wie Du es genommen hast, wird es niemand bemerken.“

Die Mundwinkel des Jungen zuckten, aber er sagte nichts. Immer noch starrte er mit vor Angst weit geöffneten Augen auf das Regal mit den Getränkedosen. Ein verhaltenes Schniefen schien einen Tränenausbruch anzukündigen. Nora streckte ihm ihre Hand entgegen.

„Gib es mir.“

Der Junge griff langsam in seine Hosentasche und streckte Nora mit zitternder Hand ein Päckchen Kaugummi hin. Jetzt liefen ihm Tränen die Wange hinunter.

„Bleib hier stehen.“

Nora ging rasch zum Regal mit den Süßigkeiten zurück und legte den Kaugummi wieder zu seinen klebrigen Brüdern. Sie seufzte. Ob der Junge diese Lektion verstanden hatte? Sie wollte gerne mehr über ihn erfahren. Nora wollte ihm sagen, dass sie kein Kaufhausdetektiv war und auch keine Absicht hatte, ihn zu verraten. Als Nora wieder bei den Getränkedosen ankam, war der Junge weg.

Nora lief rasch zum Ausgang und sah dabei abwechselnd links und rechts in die Gänge. Nichts. Auch an der Kasse und dem Ausgang konnte sie keinen Jungen mit blonden Haaren entdecken. Vielleicht lief er jetzt schnell nach Hause und vergrub seine Scham in seinem Kopfkissen, das vermutlich mit dem Vereinslogo seines Lieblingsvereins bedruckt war. Oder er ging einfach ins nächste Kaufhaus und versuchte sein Glück erneut. Wer wusste das schon.

Nora verließ das Kaufhaus ohne ihre Lieblingslakritze und überlegte. Es war bereits kurz vor zwanzig Uhr und die Geschäfte im Stadtteil Köln-Dellbrück würden bald schließen. Nach einer einsamen Tasse Cappuccino an einem wackligen Bistrotisch war ihr jetzt nicht. Tja, dann nach Hause? Zu Hause wartete der Fernseher, und im Gefrierfach fror eine Thunfischpizza vor sich hin. Nora fröstelte ob des warmen Abends. Zu schade, dass Kurt wieder nach Berlin musste. Stattdessen hätten sie nach Königswinter oder Remagen fahren, den Lichtern auf dem Rhein zusehen und gemütlich ein Glas Wein trinken können. Sicher erging es Kurt jetzt ebenso. Er hasste Dienstreisen, und er hatte Angst vorm Fliegen.

Fast jede Woche fällt so ein Ding vom Himmel, pflegte er zu sagen. Er vermied Flugzeuge, wann immer es möglich war. Leider war es nicht oft möglich, denn als Referatsleiter im Zollkriminalamt traf er sich regelmäßig mit Kollegen aus ganz Europa.

Nora war seine Assistentin. Unter anderem. Unter anderem war sie auch seine Freundin, aber Liebesverhältnisse zwischen Vorgesetzten und Untergebenen wurden im Ministerium nicht gern gesehen. Also musste die Sache geheim bleiben.

Nora seufzte. „Zu Hause“ klang nicht übermäßig vielversprechend. Und Kurt würde sowieso keine Zeit haben, vor dreiundzwanzig Uhr anzurufen. Das Abendessen zog sich gewöhnlich in die Länge, und anschließend wurde die Nachmittagsbesprechung bei Whisky oder Champagner auf halb privater Ebene weitergeführt.

Nora vermisste Kurts Geruch nach frisch gestärkten Hemden und Bulgari homme. Im Büro hing wahrscheinlich noch ein Hauch davon in der Luft. Und im Büro stand ihr Computer, auf dem sie gern Schach oder Solitär spielte, wenn nichts zu tun war. Kurt hatte dafür gesorgt, dass ein paar Spiele auf ihrem PC installiert wurden. Und Kurt hatte auch dafür gesorgt, dass sie niemand anderen als Kurt haben wollte. Nora lächelte leise vor sich hin.

Nicht mehr lange, hatte Kurt gesagt, dann habe er genügend Flüssiges gespart, um sich als Unternehmensberater selbständig zu machen. Und wenn es so weit war, würde sie natürlich mit ihm gehen. Nur noch ein oder zwei Jahre. Nora wühlte in ihrer Handtasche. Da war sie. Mit dieser Magnetkarte konnte sie, wann immer sie wollte, in ihr Büro.

Wollen doch mal sehen, ob ich den Schachcomputer nicht doch schlagen kann, dachte Nora. Von hier bis zum Zollkriminalamt waren es nur wenige Gehminuten.

Das Gebäude an der Bergisch Gladbacher Straße lag dunkel und verlassen da. Es war ein moderner Glasbau, der früher dem Sparkassen- und Giroverband gehört hatte. Nora stand vor der geschlossenen Bahnschranke und wartete einen Intercity ab. Das war der einzige Nachteil. Alle paar Minuten ratterte ein Zug vorbei, und obwohl das Gebäude eine gute Schallisolierung hatte, waren die Zuggeräusche nicht zu überhören.

Der Intercity donnerte mit hell erleuchteten Fenstern vorbei. Es war der Nachtexpress nach Wien. Im Dezember war sie selbst mit Kurt in Wien gewesen. Die ganze Stadt war wie mit einem Zuckerguss aus Schnee überzogen gewesen, und beim Spazierengehen konnte man dieses wunderbar knirschende Geräusch unter den Schuhsohlen hören. Sie hatten die Christmette im Stephansdom besucht und sich auf der Kirchenbank eng aneinander gekuschelt. Kurt hatte ihre kalte Hand genommen und sie zwischen seinen Fingern gewärmt. Als der Pfarrer die Gemeinde in die kalte Dezembernacht entlassen hatte, standen sie draußen auf dem Platz und sahen den tanzenden Schneeflocken im Lichterschein zu. Kurt hatte sie ganz nah zu sich herangezogen, ihren Schal zwischen seinen Händen gedreht und gesagt:

„Nora, ich möchte nie mehr ohne dich sein! Willst du mich heiraten?“

Nur noch ein oder zwei Jahre…

Nora steckte ihre Magnetkarte in den Schlitz am Haupteingang und die Glastür glitt geräuschlos zur Seite. Im Foyer war es dunkel. Nur der Schein der Straßenlaternen erhellte die Halle so weit, dass Nora die Fahrstühle sehen konnte. Sie nahm den Aufzug in die dritte Etage. Es war nicht das erste Mal, dass sie nach Dienstschluss hierher kam. Manchmal rief Kurt von unterwegs an und bat sie, ihm Unterlagen in sein Hotel zu schicken. Hin und wieder nutzte sie auch die Ruhe im Amt – von den dröhnenden Zügen einmal abgesehen – für Arbeiten, zu denen sie tagsüber nicht gekommen war. Und an manchen Abenden suchte sie einfach nur ein bisschen Zeitvertreib am Computer.

Der Fahrstuhl hielt mit einem leisen „Pling“ und Nora trat hinaus. Bevor die Fahrstuhltür sich wieder schloss und den Korridor in ein schummriges Grau tauchen konnte, holte Nora aus der Handtasche ihren Schlüsselbund hervor. Die Bürotüren wurden nach Dienstschluss verschlossen. Nora ging den Korridor entlang und bog rechts in einen weiteren Korridor ab. Am Ende des Flurs steckte sie den Schlüssel in das Schloss ihrer Bürotür und öffnete sie.

Ihr Büro verfügte über zwei Verbindungstüren. Die linke führte in Kurts modernes und großzügiges Büro, die rechte in einen kleinen Besprechungsraum mit massivhölzernen Bücherregalen, einem geschmackvollen Sofa und zwei gemütlichen Sesseln. Ihr eigenes Reich war eher zweckmäßig eingerichtet, was Nora ganz recht war. Ein Durchschnittsgesicht gehört in ein Durchschnittsbüro, war ihre Devise.

Nahe Kurts Bürotür befand sich ihr Schreibtisch, und der übrige Raum war mit Schränken und Regalen eingerichtet. Ein großes Regal diente als Raumteiler, und dahinter befand sich ein stählerner Tisch mit zwei einfachen Stühlen. Auf dem Tisch stapelte Nora gewöhnlich Unterlagen, die für das Archiv bestimmt waren, oder sie sortierte dort kopierte Blätter, die sie anschließend in Mappen heftete.

Als Nora ihr Büro betrat, ratterte draußen wieder ein Zug vorbei. Sie warf ihre Handtasche auf den Schreibtisch und drückte im Vorübergehen auf den Powerknopf ihres Computers, dann trat sie ans Fenster. Ein langer Güterzug rumpelte dröhnend über die Gleise. Nora trat wieder zum Computer und klickte mit ihrer Maus das Schachspiel an. Der Bildschirm erhellte den dunklen Raum und verbreitete eine heimelige Atmosphäre. Fand sie jedenfalls.

Nora war keine besonders gute Schachspielerin, aber sie liebte dieses Spiel. Hin und wieder spielte sie auch mit Kurt. Er spielte hervorragend, und sie hatte keine Chance gegen ihn. Kurt hatte die Fähigkeit, viele Züge im Voraus zu planen, während sie selbst schon bei vier oder fünf Zügen durcheinander kam.

Übung macht den Meister, dachte Nora und ließ den Computer den ersten Zug machen. Sein Bauer auf C2 bewegte sich nach C4. Nora stützte den Kopf in die linke Hand, runzelte die Stirn und überlegte. Das Rattern des Güterzuges verlor sich langsam in der Nacht. Was für eine Eröffnung mochte das wohl sein? Und wie antwortete man darauf? Nora bewegte ihren Bauern von H7 auf H6 und hoffte, dass sie eine gute Wahl getroffen hatte. Dann hörte sie es.

Nora wich das Blut aus dem Gesicht und ihr Herz begann wie wild zu klopfen. Die Figuren auf dem virtuellen Schachbrett verloren ihre scharfen Umrisse. Sie schluckte. Das Geräusch war eindeutig. Es war so eindeutig als das zu identifizieren, was es war, weil sie es selbst schon so oft gehört hatte. Es war Kurts Liebesgeflüster.

Du meinst wohl Beischlafgeräusche?

Nora fühlte Übelkeit hochkommen. In ihrem Kopf summte ein Bienenschwarm. Und in ihrer Brust stachen Tausende von Wespen auf alles ein, was Schmerz empfinden konnte.

Ja, man konnte es wohl eher Beischlafgeräusche nennen. Die beiden waren offensichtlich mittendrin. Es kam aus dem Besprechungsraum.

Sie wälzen sich auf der Couch!

Nora versuchte, ruhig zu atmen. Es gelang ihr nicht. Ihre Hand zitterte, als sie die Maus ergriff und das Schachspiel beendete.

„Möchten Sie das Spiel wirklich beenden?“

Nora klickte auf „JA“.

„Sie sind Schach matt. Ihr Gegner hat gewonnen.“

Ja, das hat er tatsächlich, dachte Nora. Sie starrte auf den hell erleuchteten Bildschirm, dann stand sie langsam auf. Ihre Knie waren weich. Zögernd ging sie auf die Verbindungstür zum Besprechungsraum zu.

© by Marion Schimmelpfennig

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