Ohne Worte (Teil 3)

Engagement und Eigeninitiative sind enorm wichtig, wenn man in der Werbung Karriere machen will. Man sollte jedoch darauf achten, dass sich der Tatendrang wenigstens hin und wieder auf Bereiche richtet, die tatsächlich etwas mit Werbung zu tun zu haben. Tief in meinem Unterbewusstsein muss ich diese Erkenntnis bereits als neunzehnjähriger Azubi gehabt haben, denn es kam der Tag, als ich von der Media-Abteilung in die Produktion wechseln sollte. Während sich die Media-Abteilung hauptsächlich darum kümmert, Anzeigenplatz oder Sendezeiten für die Kunden zu planen, zu buchen und abzurechnen, ist die Produktion – wie der Name schon sagt – für die Herstellung der Werbemittel zuständig. Das fängt bei der Anzeige an, geht bei Broschüren und Plakaten weiter, und hört bei Werbegeschenken noch lange nicht auf.

Herr Sigurd war der Produktionsleiter und ein äußerst freundlicher, wenn auch schwer beschäftigter Mensch. Er hatte so viel zu tun, dass er sich kaum auch noch um mich kümmern konnte. Immerhin nahm er sich zwei Minuten Zeit, um mit mir zu besprechen, wie ich die nächsten Wochen in der Produktion verbringen sollte. Er erklärte mir zunächst, dass in der Produktion zum Beispiel Anzeigen, Broschüren, Plakate und Werbemittel produziert wurden. Das wusste ich bereits, nickte aber artig. Dann erklärte er mir, dass die gelben Durchschläge für die Produktion seien, die nach erfolgreicher Produktion an die Media-Abteilung gingen, wo sie durch blaue Durchschläge ersetzt würden. Auch das wusste ich bereits, denn ich hatte die letzten Monate brav alle Durchschläge nach Farben sortiert und in den entsprechenden Ordnern abgelegt. Aber weil Herr Sigurd so nett war, nickte ich wieder begeistert. Dann fragte er mich, was mich in der Produktion so interessiere. Ich nickte mit dem Kopf in Richtung des angrenzenden Raumes. Dort befand sich das Produktionsarchiv. Nun, Archiv ist vielleicht ein bisschen übertrieben, denn ein Archiv setzt voraus, dass das, was dort liegt, archiviert ist. Und genau das war das Problem. In Herrn Sigurds Archiv war nichts archiviert.

Herr Sigurd und ich verstanden uns ohne Worte. „Wollen Sie sich das wirklich antun?“, fragte er und verzog dabei das Gesicht, als ob er gerade in eine Zitrone gebissen hätte. „Herr Sigurd“, sagte ich, „irgendwann muss das Archiv ja mal archiviert werden, sonst findet man ja nichts!“ Herr Sigurd erkannte, dass es mir ernst war und deshalb strahlte er über das ganze Gesicht. Ich insgeheim auch, denn das unarchivierte Archiv erschien mir wie eine geheime Schatzkammer voller aufregender Sachen.

Die einzige Befürchtung, die ich hatte, war die, dass das Ergebnis meiner Aufräumarbeiten nicht lange anhalten würde. Schließlich muss ein Archiv gepflegt werden. Doch Herr Sigurd winkte väterlich ab – er versprach, die neu geschaffene Ordnung wie seinen Augapfel zu hüten.

Und so machte ich mich an die Arbeit. Sie machte höllischen Spaß. Zunächst kämpfte ich erfolglos mit den beengten Räumlichkeiten, denn das Archiv war nicht mehr als eine Kammer mit einem großen Regal. Das Regal war viel zu klein, und so türmten sich Schautafeln (im Fachjargon auch Displays genannt), Pappen und andere sperrige Dinge an den Wänden, auf dem Fenstersims und auf dem Boden. Ich schleppte alles in Herrn Sigurds angrenzendes Büro und machte neue Stapel – diesmal nach Kunden geordnet. Pappen mit Feinstrumpfhosen hierhin, Heizdecken dorthin, Gartenschläuche da hin, und Kopftöpfe wieder woanders hin. Herr Sigurd stakste meist wortlos über meine Häufchen, um zu seinem Schreibtisch zu gelangen, nur hin und wieder stieß er ein freudiges „Ach nee!“ aus, wenn er etwas entdeckte, das er bereits seit Wochen (oder vielleicht auch seit Jahren) erfolglos gesucht hatte. Ich freute mich jedes Mal tierisch und ermunterte ihn, mich gezielt zu fragen, wenn er etwas suchte.

Nachdem ich die Reinzeichnungen, Filme, Andrucke, Anzeigen, Broschüren, Faltblätter, Kataloge, Poster, Pappen und Displays nach Kunden, Projekten und Größe sortiert hatte, kamen die restlichen Werbemittel dran. Abgesehen davon, dass es unendlich schwieriger war, Werbegeschenke so zu sortieren, zu stapeln und abzulegen, so dass sie übersichtlich und griffbereit waren, bereitete mir diese Arbeit ein großes Vergnügen, weil dabei die interessantesten Dinge zum Vorschein kamen. Zum Beispiel lustige 3-D-Brillen. Wenn man sie aufsetzte, erschien einem das Archiv wie eine fremdartige Landschaft und ich stolperte kichernd und wie betrunken über meine Stapel. Nachdem ich etwa eine Stunde mit der 3-D-Brille auf der Nase gearbeitet und dabei mitleidiges Kopfschütteln von Kollegen geerntet hatte, wurde mir schwindlig und ich bekam Kopfschmerzen.

Als nächstes absolvierte ich einen multinationalen Sprachkurs. Dazu breitete ich ein kuscheliges Handtuch auf dem Boden aus, das ich aus einer Ecke unten im Regal herausgezogen hatte und kniete mich andächtig davor: Auf Englisch heißt „Zeiss für meine Augen“ „Zeiss for my eyes“. Na, das weiß ja jeder. Auf Französisch „Zeiss pour mes yeux“. Auf Italienisch „Zeiss per i miei occhi“ (wie lustig!). Auf Spanisch „Zeiss para mis ojos“. Auf Niederländisch „Zeiss voor mijn ogen“. Bei den folgenden Übersetzungen war ich mir der Herkunft nicht mehr so sicher: Zeiss til mine ojne, Zeiss för mina ögon, Zeiss minun silmilleni. Ein wunderbares Handtuch!

Nach zwei Wochen war es geschafft: Das Archiv war nicht nur entrümpelt, gefegt und aufgeräumt, ich hatte sogar kleine Schildchen mit den Namen der Kunden und der entsprechenden Projekte gebastelt und sie mit Tesafilm an das Regal geklebt. Dann lud ich Herrn Sigurd ein, mein Werk zu bestaunen. Er war begeistert. „Toll“, sagte er und kratzte sich nachdenklich am Bart. „Hoffentlich halte ich das auch durch.“ Ich muss wohl ein entsetztes Gesicht gemacht haben, denn er beruhigte mich sogleich wieder. „Nein, nein, keine Angst, ich werde mich schön an Ihr System halten.“

Zur Belohnung schenkte mir Herr Sigurd das zauberhafte vielsprachige Handtuch. Ich war überglücklich. Und ich habe es heute noch – mehr als zwanzig Jahre danach. Erst heute Nachmittag habe ich damit wieder unseren Golden Retriever Sam abgetrocknet, der schlammverspritzt vom Spaziergang am See zurückgekommen war.

Kurz nach meinen Aufräumarbeiten im Archiv hatte ich zwei Wochen Urlaub, die ich unter der prallen Sonne an der Adria verbrachte. Knusprig braun und guter Laune stand ich an einem Montag Morgen wieder in Herrn Sigurds Büro und wartete gespannt auf neue Aufgaben. Herr Sigurd war noch nicht da, aber die Tür zum Archiv stand offen.

Ich warf einen Blick auf mein Werk, und wenn ich nicht so braun gewesen wäre, hätten Sie gesehen, wie ich kreidebleich wurde. Es ist kein Scherz: Mein Archiv war kein Archiv mehr, sondern wieder eine völlig anarchische Ansammlung von Reinzeichnungen, Filmen, Andrucken, Anzeigen, Broschüren, Faltblättern, Katalogen, Postern, Pappen, Displays und Werbegeschenken…

 

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