Chick, Chuck & Shit (Teil 2)

Nein, sie wollte es nicht sehen. Sie wandte sich wieder ab und ihr Blick fiel auf den Tisch hinter dem Raumteiler. Dort lag Kurts Jackett. Das edle graue. Es war also wirklich Kurt.

Hattest du etwa Zweifel?

Es wäre immerhin möglich gewesen, dass…

Kurts Hose war auch da, und sein Hemd. Und auf dem Boden lagen ihre Kleidungsstücke.

Die haben es eilig gehabt, was?

Das Stöhnen nebenan wurde immer lauter und hektischer. Und plötzlich, als ob sie aus einer Luftblase im Wasser aufgetaucht war, konnte sie wieder klar denken.

Das wird er mir büßen!

Recht so!

Dieses Schwein!

Gib’s ihm!

Nora kehrte zum Schreibtisch zurück und nahm das matt glänzende Metall in die Hand. Er hatte weiß Gott noch mehr verdient, aber dies musste zunächst genügen. Keiner der beiden würde diese Nacht jemals vergessen. Sie ging zurück zur Tür und streckte die Hand aus.

Du willst die beiden doch wohl nicht einschließen?

Genau das habe ich vor.

Nora steckte den Schlüssel sanft hinein und drehte ihn langsam herum. Sie versuchte, die immer lauter werdenden Geräusche von nebenan aus ihrem Kopf zu verbannen. Dann zog sie den Schlüssel ebenso sanft wieder heraus, drehte sich um und nahm rasch sämtliche Kleidungsstücke an sich.

Du bist ein Biest!

Du hast es erfasst.

Nora ging leise zum Computer, schaltete ihn aus, nahm ihre Handtasche und verließ das Büro. Im Fahrstuhl knüllte sie die Kleider zu einem Ball zusammen. Etwas Festes in Kurts Jackett wehrte sich dagegen. Sie griff in die Innentasche und zog seine Brieftasche und…

Was machen wir denn damit?

…seinen Schlüsselbund hervor. Nora lehnte sich mit dem Rücken zur Fahrstuhlwand und sah auf den Schlüsselbund. Sie hatte den Angriff gut gekontert. Jetzt hieß es, zur Offensive überzugehen. Und dieser Schlüssel würde der Schlüssel dazu sein.

Die Fahrstuhltür öffnete sich, und Nora war wieder in der Halle. Erneut schob sie ihre Magnetkarte in den Schlitz und verließ das Gebäude. Sie überlegte kurz, dann wandte sie sich nach rechts. Etwa 300 Meter weiter befand sich ein Taxistand. Auf dem Weg dorthin warf sie die Kleider in eine Mülltonne. Wenn schon, denn schon.

Die beiden würden fluchen, wenn sie die abgeschlossene Tür bemerkten. Sie würde vielleicht heulen. Sie hatten nichts als ihre Unterwäsche.

Ich vergehe gleich vor Mitleid.

Ja, ja.

Und da die Verbindungstür die einzige Tür zum Besprechungsraum ist, ein Telefon nicht zur Ausstattung gehört und auch das Fenster keine geeignete Fluchtmöglichkeit bietet – ganz abgesehen davon, dass Kurt ja Höhenangst hat – wird den beiden nichts anderes übrig bleiben, als bis zum Morgen abzuwarten. Was für ein Spaß!

Es kommt aber noch besser, stimmt’s?

Genauso ist es.

Nora nannte dem Taxifahrer eine Straße im Stadtteil Holweide und lehnte sich zurück. Sie kramte in ihrer Tasche und zündete sich eine Zigarette an. Sie sah den Blick des Taxifahrers im Rückspiegel auf ihr ruhen, aber er sagte nichts. Nora blickte aus dem Fenster und sah Straßen und Häuser im Dunkel dahinhuschen. Sie inhalierte kräftig. Bis zum Normannenweg war es nicht weit, und sie hoffte nur, dass sie dort niemandem über den Weg laufen würde. Jedenfalls niemandem, den sie kannte.

Als der Wagen hielt, sah Nora auf das Taxameter und drückte dem Fahrer einen 10-Euroschein in die Hand. Sie wartete nicht auf das Wechselgeld, sondern stieg rasch aus. Der Mann brummte ein Dankeschön, und fünf Sekunden später sah sie bereits seine Rücklichter um die Ecke biegen.

Die Straße lag dunkel und verlassen da. Ein paar Grillen zirpten um die Wette, und von irgendwoher kam eine Tonleiter, die auf einem Saxophon geblasen wurde. Nora ging auf den Hauseingang zu, drückte den Lichtschalter und schloss mit Kurts Schlüssel die Haustüre auf. Im Haus schien alles ruhig. Das alte Ehepaar im Erdgeschoß war sicher schon schlafen gegangen und der junge Mann unter dem Dach war vermutlich noch unterwegs.

Nora ging hinauf in die erste Etage und öffnete die Tür zu Kurts Wohnung. Der vertraute Duft von Bulgari homme kam ihr entgegen. Sie schaltete das Flurlicht ein und holte tief Luft. Sie war noch nie allein in Kurts Wohnung gewesen. Und das hier war ja wohl… Einbruch, oder nicht?

Bekommen wir etwa kalte Füße?

Wir bekommen Ärger, wenn uns nicht etwas einfällt, wie wir das vermeiden können, antwortete Nora ihrer inneren Stimme. Die Stimme hatte natürlich recht. So recht, wie sie nicht rechter hätte haben können. Mit Kurt war es aus. Das war schlimm genug. Ihr Job war futsch, das war – mittelfristig gesehen – fast noch schlimmer. Kurt würde Mittel und Wege finden, sie auf die Straße zu setzen, da war sich Nora ganz sicher. Sie hatte keinen Beamtenstatuts. Sie war nur eine kleine Angestellte im Öffentlichen Dienst. Nora hatte Angst.

Aber er hat dir wehgetan, nicht?

Ja, das hat er.

Sehr weh sogar, richtig?

Mehr als sich nur irgendjemand vorstellen kann. Und wer weiß, vielleicht war das nicht das erste Mal. Gut möglich, dass er schon die ganze Zeit…

Nora spürte, wie der Kloß in ihrem Hals dicker und dicker wurde. Fang jetzt bloß nicht an zu heulen, schalt sie sich. Du weißt ganz genau, dass er nicht mal eine einzige Träne verdient hat. Außerdem verschmierst du so die Wimperntusche und bekommst hässliche, verquollene Augen. Und ganz wichtig: Wer heult, kann keinen klaren Gedanken fassen.

Nora schluchzte wild drauf los.

© by Marion Schimmelpfennig, Werbetexter

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